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Kinderhaushalte in Ruanda – Bericht einer Projektreise

06.06.2018 – Die Ruanda-Projektreise im April dieses Jahres führte von der Hauptstadt Kigali über Butare im Süden nach Kamembe in den Südwesten des Landes. Hier, in den Distrikten Nyamasheke und Rusizi, besuchten die HHN-Referentin für „Kinderhaushalte in Ruanda“ Kristin Haas-Heichen und der Fotograf Bernd Weisbrod die von Human Help Network (HHN) unterstützten ruandischen Kinderfamilien. Begleitet wurden sie von Dominique Kronsbein, HHN-Projektkoordinator Uganda/Ruanda, und Léopold Ruzibiza, Mitarbeiter der lokalen HHN-Partnerorganisation Strive Foundation Rwanda, die das Projekt „Kinderhaushalte“ vor Ort betreuen.

Kinderhaushalte in Ruanda – Bericht einer Projektreise

Die Kinder wohnen zerstreut auf dem Land in einer der abgelegensten Gegenden des Landes, hinter dem Nyungwe-Regenwald. Sie haben Mutter und Vater verloren, meist durch HIV/Aids. Oder aber die Eltern kamen wegen harter und schwieriger Lebensverhältnisse mit sich selbst und ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Familie nicht mehr zurecht und haben ihre Kinder einfach zurückgelassen. So müssen die Geschwisterkinder ganz alleine auf sich gestellt aufwachsen – zusammen bilden sie eine Kinderfamilie.

 

In Lehm-oder Holzhütten leben die Kinder unter katastrophalen Wohnverhältnissen, in bitterer Armut. Das älteste Geschwisterkind übernimmt in der Regel die Aufgaben und die Verantwortung der Eltern sowie die Versorgung der jüngeren Geschwister. In die Rolle des Familienoberhauptes geraten diese „älteren“ Kinder völlig unvorbereitet; sie sind durch die neue Situation vollkommen überfordert.

 

Elia ist gerade 16 Jahre alt, als er sich nach dem Verlust der Eltern plötzlich in der Situation sieht, seine drei Geschwister (14, 12 und 9 Jahre) versorgen zu müssen. Durch Aushilfsarbeiten in der Nachbarschaft kann er ein wenig Geld verdienen. Für eine tägliche Mahlzeit oder sauberes Trinkwasser reicht es jedoch nicht. Nachbarn versuchen zwar, im Rahmen ihrer eingeschränkten Möglichkeiten zu helfen, aber auch sie können keine dauerhafte Lösung bieten. Elia hat oft Angst vor der Zukunft. Er weiß nicht, ob er und seine Geschwister es je schaffen werden, auf eigenen Füßen zu stehen.

 

Nachdem zunächst die Mutter und einige Zeit später der Vater starb, kümmert sich Carine (16 Jahre) als Familienoberhaupt um ihre vier Geschwister (14, 12, 10 und 6 Jahre). In der Nachbarschaft verrichtet sie verschiedene Arbeiten, dafür erhalten sie und ihre Geschwister etwas zum Essen. Es ist nicht viel, gerade ausreichend für eine Mahlzeit am Tag. Carine arbeitet sehr viel, die Schule kann sie nicht mehr besuchen.

 

Die 18-jährige Alice hat ihre vier Geschwister (15, 13, 7 und 4 Jahre) und ihr eigenes Baby (1 Jahr) zu versorgen. Der Vater hatte die Familie verlassen, die Mutter starb nach der Geburt der jüngsten Tochter. Zurück blieben die Kinder in einem Haus, das so baufällig und marode war, dass es schließlich einstürzte. Jetzt wohnen sie bei ihrer kranken Großmutter, in einer viel zu kleinen Lehmhütte. Dort leben sie auf engstem Raum und versuchen, irgendwie zu überleben.

 

Die beschriebenen Beispiele geben nur einen Bruchteil der auf der Projektreise gesehenen Wirklichkeit wider. Wie und wo die Kinder leben, ist für uns kaum vorstellbar. Ihre Hütten sind nur schwer erreichbar. Die Wege dorthin sind schlecht passierbar, insbesondere in der Regenzeit, wenn Hänge abrutschen und den Durchgang versperren. Die für das Kinderfamilien-Projekt arbeitenden Sozialarbeiter und Psychologen fahren jeden Tag viele Kilometer mit dem Motorrad, um die Kinder zu sehen. Es findet eine intensive Betreuung vor Ort statt. Der Verlust der Eltern hat bei den Kindern tiefe Ängste und Verletzungen hinterlassen. In Einzel- und Gruppengesprächen wird versucht, ihnen neuen Mut zu geben und sie zu stärken.

 

Es ist offensichtlich, wie dringend diese Kinder Hilfe benötigen. Daher hat Human Help Network zusammen mit seiner lokalen Partnerorganisation Strive Foundation Rwanda ein komplexes Konzept von Hilfsmaßnahmen erstellt. Die Übernahme der Krankenversicherung für alle im Projekt betreuten Kinder ist dabei ein wichtiger Baustein, denn so erhalten sie einen gesicherten Zugang zu medizinischer Versorgung. Kinderfamilien, die unter Mangelernährung leiden, werden mit zusätzlichen Nahrungsmitteln versorgt. Um die schlechte Wohnsituation zu verbessern, erhalten die Kinder Unterstützung bei den dringend benötigten Reparaturen ihrer Hütten; in sehr schlimmen Fällen werden diese auch ganz neu gebaut. Mit der Hilfe von ausgebildeten Landwirten lernen die Kinder den Anbau von einheimischem Gemüse, wie zum Beispiel Maniok, Süßkartoffeln, Karotten, Tomaten oder Mais, sodass sie sich selbst versorgen können. Bei einer guten Ernte ist es ihnen sogar möglich, das Gemüse zum Verkauf anzubieten.

 

Ziel ist es, dass die Kinder sich in der Zukunft ihren eigenen Lebensunterhalt sichern können. Daher legt Human Help Network auch besonders großen Wert auf die Unterstützung im Bereich der Bildung. Es werden sämtliche Kosten im Zusammenhang mit der Schulausbildung übernommen. Daneben wird auch die Möglichkeit zu einer handwerklichen Berufsausbildung angeboten. Dies betrifft insbesondere die Familienoberhäupter: Denn oft müssen sie die Schule abbrechen, damit sie ihre Geschwister versorgen können.

 

Mit all diesen Hilfsmaßnahmen begleitet Human Help Network die Kinderfamilien auf ihrem Weg in ein eigenständiges Leben. Betreut werden sie so lange, bis das jüngste Kind 18 Jahre alt ist und alle eine Ausbildung abgeschlossen haben. Aber auch darüber hinaus bleiben die Projektmitarbeiter noch mit den Kindern in Kontakt.

 

Die Schicksale der Kinderfamilien sind erschreckend und sehr berührend. Und so sind die auf der Reise gesammelten Eindrücke auch nicht leicht zu verarbeiten. Mit dem Projekt „Kinderhaushalte in Ruanda“ setzt Human Help Network sich für diese oftmals vergessenen Kinder ein und leistet eine Hilfe, die direkt ankommt. Die Kinder erhalten eine Chance auf eine bessere Zukunft, sodass sie später auch aktiv in der ruandischen Gesellschaft teilnehmen können. Bei einem Teil der Kinder ist dies auch bereits gelungen – ein Ansporn, diese Arbeit fortzusetzen.






Fotogalerie:

Human Help Network – © B.Weisbrod
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